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Mitgefühl mit Tieren.

Artikel

 
 

Zum Begriff der Aufklärung  

   
  Eingestellt am: 18.05.2011
Ivo Windrich.
 
       
 

Die folgende Textexegese zur Theorie in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno (2008) entstand im Rahmen eines Seminars zu dieser Schrift am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, welches von Dr. Hans-Jürgen Lachmann geleitet wurde. Der Text behandelt das erste Kapitel in der Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Er ist eine erweiterte und überarbeitete Fassung des Referats, welches ich im Rahmen des Seminars im Mai 2011 gehalten habe. (Note: 1,3. Insbesondere der Abschnitt 1 und der zweite Teil von Abschnitt 5 sind nachträglich hinzugefügt.)

 

Der Artikel ist zu lesen als Ergänzung zum Text Zur Rolle des Mitgefühls in einer herrschaftskritischen Theorie zur Befreiung der Tiere von 2009 auf http://ti-mmt.de.

 

(Angegebene Seitenzahlen ohne Autorenangabe beziehen sich auf Horkheimer / Adorno 2008.)

 

1 Zur Dialektik der Aufklärung

 

In der Vorrede der Dialektik der Aufklärung beschreiben die Autoren schon die beiden Kernthesen der Theorie: „schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“(6) Die Gemeinsamkeit von Mythos und Aufklärung wird in der Zweckrationalität gefunden, welche im zweiten Abschnitt tiefgehender kritisiert wird. Dass die Aufklärung durch die Unterwerfung des Denkens unter den blinden Zweckrationalismus nicht nur zur Unwissenheit, zur Verblendung führt, sondern auch in die Barbarei, wird im dritten Abschnitt betrachtet. Die Dialektik der Aufklärung bedeutet nämlich auch, dass dem Zivilisationsprozess selbst schon die Anlagen zur Barbarei innewohnen, was sich nach Adorno (1971: 120) darin äußert, dass „die Menschen in einer merkwürdig ungeformten Weise hinter ihrer eigenen Zivilisation zurückgeblieben sind – nicht nur, daß sie in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht die Formung erfahren haben, die dem Begriff der Zivilisation entspricht, sondern daß sie erfüllt sind von einem primitiven Angriffswillen, einem primitiven Haß oder, wie man das gebildet nennt, Destruktionstrieb, der noch das Seine dazu beiträgt, die Gefahr zu steigern, daß diese ganze Zivilisation, wozu sie von sich aus schon tendiert, in die Luft geht.“

 

Im vierten Teil gehe ich kurz darauf ein, was die dialektische Entwicklung der Gesellschaft für den Einzelnen bedeutet. Im letzten Abschnitt wird dann der Ansatz aufgegriffen, wie ein positiver Begriff von Aufklärung nach Horkheimer und Adorno hervorgebracht werden kann.

 

Doch zuvor einige Bemerkungen, was als Ursache des Rückfalls der Aufklärung in Mythos und Barbarei angedeutet wird. Aufklärung verfolgt seit je das Ziel, „von den Menschen die Furcht zu nehmen“(9). Denn die Furcht vor dem Unbekannten, den Naturgewalten und der damit einhergehenden möglichen Unterwerfung oder gar Zerstörung des Selbst, ist der Motor des Strebens nach Erkenntnis und Herrschaft. Aufklärung dient allein der Selbsterhaltung des Menschen: „Der Furcht wähnt er ledig zu sein, wenn es nichts Unbekanntes mehr gibt. […] Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst.“(22) Doch diese von Angst getrieben, naturverfallene Aufklärung birgt den Samen der Barbarei: „Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt.“(10)

 

2 Mathematisierung des Denkens und Instrumentelle Vernunft

 

„Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann.“(15)

 

Im Sinne positivistischer Wissenschaft sollen Theorien einheitlich sein, so dass eine Wiederholbarkeit von Erklärungen und Vorhersagen sicher gestellt ist. Das Ideal dieses Denkens ist die Mathematik, denn in ihr ist alles vollkommen eindeutig und klar. „Natur ist […] das mathematisch zu Erfassende; selbst was nicht eingeht, Unauflöslichkeit und Irrationalität, wird von mathematischen Theoremen umstellt.“(31) Hier kommt der Wunsch der absoluten Gewissheit, der vollkommenen Präzision zum Ausdruck. Ein einmal bewiesenes mathematisches Theorem kann nie mehr widerlegt werden, so wünscht sich der Positivismus alle Wissenschaften, auch die Geistes- und Humanwissenschaft. Die „mathematisierte Welt“ ist also eine, die vollkommen in Zahlen, Symbole und Formeln gepresst ist. Geist und Welt gehen auf in einer Gleichung, die auf beiden Seiten gegeneinander gekürzt wird.(33) Auf der einen Seite Geist, also der Verstehende, der die Welt erfassen will und auf der anderen Seite, das was verstanden wird – der Mensch, die Gesellschaft, Natur, Dinge, die ideelle Welt, die materielle Welt – alles wird gekürzt, „Subjekt und Objekt werden […] nichtig“(32), das heißt alles Wesentliche wird durch den Formalismus absorbiert. Begriffe werden entleert, sie verlieren ihre Bedeutung, also ihren historischen und gesellschaftlichen Kontext, sie werden ersetzt durch Symbole und verlieren ihren Sinngehalt: „Auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht. Sie ersetzen den Begriff durch die Formel, Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit.“(11)

 

Die mathematische Verfahrensweise wird zum Ritual: „Denken verdinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden, automatischen Prozeß, der Maschine nacheifernd, die er selber hervorbringt, damit sie ihn schließlich ersetzen kann.“(31) Das Denken wird zum bloßen Werkzeug. Die Ideologie des Positivismus besteht also in dem Glauben, dass irgendwann alle Natur- und Geisteswissenschaften nur noch aus Formeln bestehen, so dass der Weltlauf vollkommen berechenbar wird. „Die Subsumtion des Tatsächlichen […] unter den mathematischen Formalismus […] lässt das Neue als Vorbestimmtes erscheinen, das somit in Wahrheit das Alte ist.“(34) Eine solche Wissenschaft ist „ohne Hoffnung“, weil sie „das gesellschaftliche Unrecht“ heiligt (34), welches als unabänderliche Notwendigkeit betrachtet wird. Das Denken wird also zur instrumentellen Vernunft, mit der Max Horkheimer sich in seiner Kritik der instrumentellen Vernunft von 1947 (original: Eclipse of Reason) detailliert auseinandergesetzt hat. Hier schreibt Horkheimer: „Es ist, als wäre Denken selbst auf das Niveau industrieller Prozesse reduziert, einem genauen Plan unterworfen – kurz, ein fester Bestandteil der Produktion.“(Horkheimer 2007: 35) Das heißt, das Denken verliert jeden kritischen, emanzipatorischen und empathischen Aspekt und wird zu einem Werkzeug der Herrschaft. Adorno und Horkheimer sprechen von einer „trennende[n] Funktion“, von „Distanzierung und Vergegenständlichung“(46) des Denkens. Das Denken wird ein „Organ der Herrschaft“, das „zwischen Befehl und Gehorsam zu wählen hat.“(45) Aus diesem verdinglichten Denken in Gestalt von „Mathematik, Maschine“ und „Organisation“(48) entsteht ein „gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“(48).

 

Der Mythos des Rationalismus besteht in dem Glauben, dass die wissenschaftlich gefundenen Naturgesetze nicht nur im Modell, sondern tatsächlich in der Natur vorhanden seien und der wissenschaftliche Fortschritt damit unbedingt zum gesellschaftlichen Fortschritt führen muss. Heute wird das im Bildungswesen, in der Politik, in der Wirtschaft deutlich, wenn Entscheidungen unter das Diktat von Sachzwängen gestellt oder als „alternativlos“ erklärt werden.

 

3 Wie sich die instrumentelle Vernunft und das Herrschaftsdenken in der Gesellschaft widerspiegeln

 

Ein Prinzip des Zivilisationsprozesses ist die patriarchale Ordnung, also die dem Männlichen zugeordnete Zweckgerichtetheit und das Herrschafts- und Hierarchieprinzip. „Die glückliche Ehe zwischen dem menschlichen Verstand und der Natur der Dinge, die er im Sinne hat, ist patriarchal“(10). Adorno und Horkheimer skizzieren dies in Vorgriff auf das 2. Kapitel (Odysseus oder Mythos und Aufklärung) anhand des zwölften Gesangs der Odyssee. Die patriarchale Ordnung, die durch Herrschaft und Arbeit zum Ausdruck kommt, reproduziert permanent den patriarchalen Charakter in den Subjekten der Gesellschaft (nicht nur in den biologisch männlichen Subjekten): „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“(40) Der Mensch erhebt sich selbst zum Gott, zum Herrscher über's Dasein. „Ohne Rücksicht auf die Unterschiede wird die Welt dem Menschen untertan. […] Das Erwachen des Subjekts wird erkauft durch die Anerkennung der Macht als des Prinzips aller Beziehungen.“(14f)

 

Ein Thema, das damit im direkten Zusammenhang steht, und das in der Dialektik der Aufklärung häufiger angesprochen wird, ist der Zwang zur Naturbeherrschung: „Die Menschen hatten immer zu wählen zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder Natur unter das Selbst,“(38) Aufklärung geht einher mit einer Distanzierung des Denkens von der Natur, mit einer Entfremdung von Natur. Die Herrschaft selbst wird als „unversöhnte Natur“(47) verstanden. Die Naturherrschaft wird sogar als ein zentrales gesellschaftliches Prinzip der gesamten Menschheitsgeschichte beschrieben: „An den Wendestellen der westlichen Zivilisation, vom Übergang zur olympischen Religion bis zur Renaissance, Reformation und bürgerlichen Atheismus, wann immer neue Völker und Schichten den Mythos entschiedener verdrängten, wurde […] die Beherrschung der Natur drinnen und draußen zum absoluten Lebenszweck gemacht.“(38) Bei der Naturherrschaft wird dann die Dialektik der Aufklärung auch im materiellen Bereich deutlich. Aufklärung fällt nicht nur in Mythos zurück, in Form der instrumentellen Vernunft, sondern auch in nackte Gewalt. Es heißt, „mit jedem Schritt“, mit dem die Gesellschaft sich aus „der Gewalt der Natur“ befreit, wächst „die Gewalt des Systems über die Menschen“, ein absurder Zustand, der „die Vernunft der vernünftigen Gesellschaft“ als obsolet „denunziert“(45). Die Mittel, mit denen der Mensch sich aus den Naturzwängen befreit, werden ihm selbst zum Herrscher. Es kommt hier eine Kritik an der Technikgläubigkeit zum Ausdruck, wenn von der „Verwandlung der Welt in Industrie“(44) die Rede ist. „Wo die Entwicklung der Maschine in die der Herrschaftsmaschinerie schon umgeschlagen ist, so daß technische und gesellschaftliche Tendenz, von je verflochten, in der totalen Erfassung der Menschen konvergieren, vertreten die Zurückgebliebenen nicht bloß die Unwahrheit. Demgegenüber involviert Anpassung an die Macht des Fortschritts den Fortschritt der Macht, jedes Mal aufs neue jene Rückbildungen, die nicht den mißlungenen sondern gerade den gelungenen Fortschritt seines eigenen Gegenteils überführen. Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression.“(42) Hier wird also deutlich die dialektische Entwicklung der Gesellschaft zum Ausdruck gebracht, wenn mit dem gesellschaftlichen Fortschritt eine Herrschaftsapparatur hervorgebracht wird, die letztlich auch die Menschen unterwirft. Sei es im bürokratischen Apparat mit Regulierungs- und Ordnungswahn, sei es in unbeherrschbarer Technik wie Tschernobyl und Fukushima, sei es im Extremfall, wenn Aufklärung vollends in Barbarei umschlägt, im Faschismus mit am Schreibtisch rational geplanter Massenvernichtung.

 

Ein weiterer Aspekt, in dem diese Entwicklung deutlich zum Ausdruck kommt, ist die Ökonomie, die bürgerliche Warenwirtschaft. „[I]m unentrinnbaren Zwang zur gesellschaftlichen Herrschaft über die Natur“ gründet, wie Adorno und Horkheimer meinen, neben dem Kulturgut auch die „kommandierte Arbeit“(41). Das Prinzip der naturbeherrschenden, zweckgerichteten Vernunft manifestiert sich als „allumfassende Wirtschaftsapparatur“(36), die die „Vernunft selbst zum bloßen Hilfsmittel“ macht. Ein „bloßes Hilfsmittel“, das „im Hörsaal die Versachlichung des Menschen in Fabrik und Büro“(37) ratifiziert. Es wird deutlich ausgeführt, wie die Menschen sich der ökonomischen Rationalität der Kapitalakkumulation zu unterwerfen haben. „Vermittelt durchs Prinzip des Selbst ist die gesellschaftliche Arbeit jedes Einzelnen in der bürgerlichen Wirtschaft; sie soll den einen das vermehrte Kapital, den anderen die Kraft zur Mehrarbeit zurückgeben. Je weiter aber der Prozeß der Selbsterhaltung durch bürgerliche Arbeitsteilung geleistet wird, um so mehr erzwingt er die Selbstentäußerung der Individuen, die sich an Leib und Seele nach der technischen Apparatur zu formen haben.“(36)

 

Mit dem „Prinzip des Selbst“ ist hier vermutlich die Herausbildung des zweckgerichteten, männlichen Charakters, die Herrschaft über die innere Natur, die totale Ausrichtung auf Nützlichkeit gemeint. „Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft erzwingen den Konformismus […]. Die Ohnmacht der Arbeiter ist nicht bloß eine Finte der Herrschenden, sondern die logische Konsequenz der Industriegesellschaft“(43).

 

Hier kommt also die Auflösung des Individuums im wirtschaftlichen Kollektiv zum Ausdruck. Adorno und Horkheimer geben an der Stelle für den modernen Arbeiter das Bild von Ruderern, die also im Boot sitzend auf eine einzelne Handlung reduziert, welche monoton und synchron ausgeführt werden muss, noch nicht einmal „zueinander sprechen können“.(43)

 

Um es noch mal auf den Punkt zu bringen: Zivilisation heißt, dass der Mensch sich von Naturzwängen befreit – von Witterung, Krankheit, allen möglichen Gefahren, besonders von der Bereitstellung von Nahrungsmitteln durch die Natur. Durch Technik soll das Leben erleichtert werden, durch Wirtschaft soll die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern sicher gestellt werden, durch rationale Organisation sollen Bildung und Forschung, Kultur und Politik effizienter gestaltet werden. All dies hat für den einzelnen Menschen zur Folge, dass er sich den dadurch geschaffenen Sachzwängen unterwerfen muss. Je komplexer die Technik, desto aufwendiger die Anpassung an die technischen Erfordernisse; je komplexer die Wirtschaft, desto stärker wird der Mensch auf einzelne Arbeitsschritte reduziert; je komplexer die Organisation, desto größer ist der Zwang sich den zugehörigen Regeln zu unterwerfen – bis zur totalen Selbstentäußerung der Individuen.

 

4 Soziale Folgen, die Auflösung des Individuums

 

Die skizzierte Entwicklung der Zivilisation hat natürlich auch Auswirkungen auf die Sozialstruktur der Gesellschaft und die individuelle Lebenswelt der Menschen. Adorno und Horkheimer sagen zum Beispiel: „der Industrialismus versachlicht die Seelen“(34); „die genormten Verhaltensweisen [werden] dem Einzelnen als die allein natürlichen, anständigen, vernünftigen aufgeprägt“(35); „die Menschen“ werden „zu bloßen Gattungswesen, einander gleich durch Isolierung in der zwangshaft gelenkten Kollektivität.“(43). Die Individualität der Menschen, das Besondere, das Natürliche wird also vollkommen absorbiert im Kollektiv von Fabrik, Büro, Kino, in der Einkaufspassage bei Starbucks und McDonalds. Selbstverständlich gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Auflösung des Besonderen in der Wissenschaft durch den Positivismus und der Auflösung des Besonderen im praktischen Erleben der Menschen: „Wenn der Theorie als einzige Norm das Ideal der Einheitswissenschaft verbleibt, muß die Praxis dem rückhaltlosen Betrieb der Weltgeschichte verfallen. Das von Zivilisation vollends erfaßte Selbst löst sich auf in ein Element jener Unmenschlichkeit, der Zivilisation von Anbeginn zu entrinnen trachtete. Die älteste Angst geht in Erfüllung, die vor dem Verlust des eigenen Namens.“(37) Das Versprechen der Aufklärung, die Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums, wurde nicht nur nicht eingelöst, die Kulturindustrie erzeugt permanent den Schein der Freiheit: „Der Gefesselte [gemeint ist Odysseus, der sich an den Mast binden lässt um den Sirenen lauschen zu können, IW] wohnt einem Konzert bei, reglos lauschend wie später die Konzertbesucher, und sein begeisterter Ruf nach Befreiung verhallt schon als Applaus.“(41) In Hollywoodfilmen, die immer gut ausgehen, wird dem Kinobesucher Befreiung vorgespielt, die bösen Mächte werden besiegt, und während der Kinobesucher noch der Befreiung Beifall klatscht, merkt er nicht, dass er von den Sirenen – als Allegorie auf die Kulturindustrie – verführt wurde. Jegliche Kunst, die nach Adorno noch am ehesten das Potential besitzt das begrifflich Unfassbare auszudrücken und damit zur Kritik bestehender Verhältnisse beizutragen – die Kunst setzt da an, „wo das Wissen die Menschen im Stich läßt“(25) –, wird affirmativ, muss sich dem Zeitgeist, dem Fortschritt, den Sachzwängen anpassen. Aufklärung wird zum Massenbetrug.

 

Mit dem auf Zweckrationalität und Nützlichkeit ausgerichteten Fortschritt werden die technologischen Möglichkeiten der Produktion und Kapitalakkumulation immer effizienter. Für die Sozialstruktur heißt das aber, das ein „überflüssige[r] Rest“(45) an Lohnabhängigen entsteht, „die ungeheure Masse der Bevölkerung als zusätzliche Garde fürs System gedrillt, um dessen großen Plänen heute und morgen als Material zu dienen. Sie werden durchgefüttert als Armee der Arbeitslosen.“ Die nach den Prinzipien der Marktwirtschaft organisierte Arbeitsteilung hat aber nicht nur zur Folge, dass eine Entfremdung der großen Mehrheit der Menschen von ihrer Arbeit entsteht, sie hat auch fatale Folgen für die Charaktere der Lohnabhängigen, die heute durch Sozialkürzungen, Dumpinglöhne, Leiharbeit und Hartz IV gebrochen werden. In einem Gespräch mit Hellmut Becker meinte Adorno (1971: 126): „Ich bin völlig der Ansicht, daß der Wettbewerb ein im Grunde einer humanen Erziehung entgegengesetztes Prinzip ist.“

 

5 Abschluss

 

Jäger (2003: 174) schreibt über die Dialektik der Aufklärung, dass die Leserschaft den Eindruck gewinnt, „die Beschreibung eines ausweglosen, in sich perfekten, gegen jeden Widerstand abgedichteten Systems vorzufinden.“

 

Auf den letzten beiden Seiten des Kapitels kommt dann doch noch ein Hoffnungsschimmer zum Ausdruck, es wird also ein positiver Begriff von Aufklärung skizziert. Der instrumentellen, naturbeherrschenden, patriarchalen Vernunft wird eine kritisch-reflexive, emanzipatorische Vernunft entgegengesetzt, die den „gesellschaftliche[n] Verblendungszusammenhang“(48) durchschauen soll. Gefordert wird eine Aufklärung über die Aufklärung: „Als Organ [der] Anpassung, als bloße Konstruktion von Mitteln ist Aufklärung so destruktiv, wie ihre romantischen Feinde es ihr nachsagen. Sie kommt erst zu sich selbst, wenn sie dem letzten Einverständnis mit diesen absagt und das falsche Absolute, das Prinzip der blinden Herrschaft, aufzuheben wagt.“(48) Nicht zuletzt, wie ich meine, hat dieser positive Begriff von Aufklärung auch ein empathisches, also einfühlendes Moment, nämlich dann, wenn das distanzierte, patriarchale Verhältnis von Verstand zu Natur (Menschen, Tieren, Dingen) kritisiert wird. Ich denke, das kommt auch mit der Aussage auf der letzten Seite zum Ausdruck: „Aufklärung vollendet sich und hebt sich auf, wenn die nächsten praktischen Zwecke als das erlangte Fernste sich enthüllen, und die Länder, „von denen ihre Kundschafter und Zuträger keine Nachricht bringen“, nämlich die von der herrschaftlichen Wissenschaft verkannte Natur, als die des Ursprungs erinnert werden.“ Es geht hier also um eine Versöhnung von Geist und Natur. An dieser Stelle endet die Theorie der Dialektik der Aufklärung ohne konkret aufzuzeigen wie eine solche Versöhnung auf ideeller und materieller Ebene stattfinden könnte. Gerade Adorno hat sich in späteren Arbeiten Gedanken über diese Frage gemacht, wie also der Zivilisationsprozess von seinen Anlagen zur Barbarei befreit werden könnte, denn „Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall [Auschwitz, IW] zeitigten, wesentlich fortdauern.“(Adorno 1971: 88)

 

Aufklärung, so wie Adorno und Horkheimer sie verstehen, hat mehr als nur eine Qualität der Erkenntnis, also die falsche (weniger richtige) Theorie (Paradigmen) durch die richtige (adäquatere) zu ersetzen. Aufklärung hat eine Qualität von Menschlichkeit. Sie hat eine ethische und pädagogische Dimension. „Wir hegen keinen Zweifel […], daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist.“(3) Besonders bei Adorno wird der pädagogische Aspekt deutlich. Neben seinen sozialpsychologischen Studien, etwa zum Autoritären Charakter, erklärte er in verschiedenen Vorträgen eine Notwendigkeit zur Erziehung zur Entbarbarisierung. Im Vortrag Erziehung nach Auschwitz meint Adorno: „Da die Möglichkeit, die objektiven, nämlich gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die solche Ereignisse [Völkermord, Atombombe u.ä., IW] ausbrüten, zu verändern, heute aufs äußerste beschränkt ist, sind Versuche, der Wiederholung entgegenzuarbeiten, notwendig auf die subjektive Seite abgedrängt. Damit meine ich wesentlich auch die Psychologie der Menschen, die so etwas tun. Ich glaube nicht, daß es viel hülfe, an ewige Werte zu appellieren, über die gerade jene, die für solche Untaten anfällig sind, nur die Achseln zucken würden; glaube auch nicht, Aufklärung darüber, welche positiven Qualitäten die verfolgten Minderheiten besitzen, könnte viel nutzen. Die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern, die man unter den armseligsten Vorwänden hat ermorden lassen. Nötig ist, was ich unter diesem Aspekt einmal die Wendung aufs Subjekt genannt habe. Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“(Adorno 1971: 89) Letztendlich muss Aufklärung eine von Barbarei befreite Gesellschaft hervorbringen. Das bedeutet eine Ökonomie, die Produkte herstellt, die den Grundbedürfnissen der Menschen dienen, und nicht eine Ökonomie, die im Wettbewerb um die höchste Kapitalrendite Menschen, Tiere und Natur versklavt. Aufklärung bedeutet ein politisches System sicherzustellen, in dem nicht eine Minderheit von Lobbyisten über die Mehrheit der Menschen herrscht, sie bedeutet eine Technologie, die nicht Natur bricht und mit ihr auch die Menschen unterwirft, sondern eine naturversöhnte Technologie. Für die Bildung bedeutet Aufklärung vor allem, dass sie das freie und kritische Denken fördern muss und nicht einfach nur Schülerinnen und Schülern, Studentinnen und Studenten beibringen sollte Wissen, Methoden und Theorien zu reproduzieren um auf dem Arbeitsmarkt vorbereitet zu werden.

 

Literatur

 

Adorno, T.W., 1971: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969. Frankfurt: Suhrkamp.


Horkheimer, M., 2007: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt am Main: Fischer.


Horkheimer, M. / Adorno, T.W., 2008: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer.


Jäger, L., 2003: Adorno. eine politische Biographie. München: Dt. Verlags-Anstalt.

 

 
       
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